201502.26
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Moscheegemeinden in Deutschland und ihre historische Entwicklung

Teil I des Essays: Von Provisorien zu dauerhaften Strukturen
Die muslimische Institutionalisierung in Deutschland

Vielen nicht-muslimischen aber auch muslimischen Akteuren sind die Entwicklung und der aktuelle Stand der muslimischen Institutionalisierung in Deutschland wenig bekannt. Die Namen mancher Organisationen kennt man zwar mehr oder weniger, doch selbst vielen Muslimen ist nicht bewusst, wie diese Institutionen entstanden sind. In diesem Beitrag soll zum einen ein Einblick in die historische Entwicklung der muslimischen Gemeinschaften gegeben werden, zudem der aktuelle Status Quo aufgegriffen und schließlich ein Blick in eine mögliche und wahrscheinliche Zukunft der muslimischen Institutionalisierung in Deutschland geworfen werden.

In einem einzelnen Beitrag wird es jedoch kaum möglich sein, alle Aspekte der historischen, aktuellen und zukünftigen Entwicklungen insgesamt aufzugreifen. Vielmehr wird hier nur ein erster Abriss geboten, dessen tiefergehende Aspekte jeweils in eigenen Beiträgen für die unterschiedlichen Entwicklungsphasen, aber auch für die unterschiedlichen Gemeinschaften aufgegriffen und vertieft werden müssen.

Historische Entwicklung

Es war nicht unbedingt die islamische Theologie, sondern viel mehr die Arbeitsmigration nach Deutschland, die den wesentlichsten Einfluss auf die Form der muslimischen Institutionalisierung in Deutschland gehabt hat. Es gibt zwar vereinzelte muslimische Initiativen und Einrichtungen, die man als unabhängig von der Arbeitsmigration entstanden ansehen kann, nominell fallen diese jedoch für die Darstellung hier nicht besonders in Gewicht, dies soll jedoch nicht als Aussage hinsichtlich ihrer Bedeutung und Relevanz innerhalb der muslimischen Community verstanden werden.

Mit dem Blick auf die historische Entwicklung der muslimischen Institutionsentwicklung in Deutschland wird deutlich werden, warum sich diese Gemeinschaften zwar unterschiedlich entwickelt haben, sich aber dennoch in einer wesentlichen Instanz, nämlich der Moscheegemeinde als struktureller Basis, gleichen. Interessant dabei ist, dass es sich bei der hiesigen muslimischen  Form der religiösen Organisation um eine handelt, die von den im Rahmen der Arbeitsmigration nach Deutschland gereisten Muslimen nicht aus ihren Heimatländern importiert worden ist. Man kann sie wohl als eine spezifisch europäische Form der religiösen Institutionalisierung bezeichnen.

Gründung provisorischer „Gastarbeiter“-Moscheen (1960er)

Das Rotationsprinzip zu Beginn der Arbeitsmigration lies den ersten “Gastarbeitern” keinen Raum für eine längerfristige Bindung zum Land oder zueinander. Sie blieben viel zu kurz in dem Land, als dass sie sich tatsächlich um eine gemeinschaftliche Religionsausübung sorgen konnten. Die Religiosität wurde vor diesem Hintergrund weitgehend im Privaten gelebt oder auf die Zeit nach der Rückkehr in die Heimat verdrängt. Die anvisierte Kürze des Verbleibs konnte die meisten Gastarbeiter über das Fehlen der religiösen Praxis für diese begrenzte Zeit noch hinwegtrösten. Sobald das Rotationsprinzip faktisch nicht mehr zur Anwendung kam und der Aufenthalt in Deutschland sich immer mehr in die Länge zog, stellte sich für viele die Frage, wie sie ihre gemeinschaftlichen Rituale wie das gemeinsame Freitagsgebet oder die Festtagsgebete verrichten konnten.

Anfangs wurden Aufenthaltsräume in den Arbeiter-Wohnheimen zu den Freitagsgebetszeiten zu Gebetsräumen umfunktioniert. Dazu reichte es, das spärliche Mobiliar zur Seite zu schieben und die mitgebrachten Gebetsteppiche auszulegen. Dem folgten zuerst zu den beiden Festtagsgebeten, später dann immer öfter zu den Freitagsgebeten auf Initiative einiger Engagierter angemietete kirchliche und kommunale Gemeindesäle.

Diese regelmäßigen Zusammenkünfte waren schließlich mit die Ursache für das Einsetzen eines religiösen Gemeinschaftsgeistes innerhalb der Arbeiter. In vielen Städten kamen dazu noch Studenten aus muslimischen Ländern oder konvertierte Muslime hinzu, die gemeinsam die Gründung erster kleinerer Gemeinden vorbereiteten.

Sesshaftwerdung der Moscheegemeinden (1970er)

Die Eröffnung der ersten dauerhaft als Gebetsraum eingerichteten Räumlichkeiten wurde zu Beginn von wenigen Einzelpersonen veranlasst. Noch bevor es eingetragene Vereine gab, entstanden so in den meisten größeren Kommunen bereits erste Gebetsräume. Erst nach und nach wurde den Akteuren bewusst und bekannt, dass es die Möglichkeit der Etablierung von Trägervereinen gab, womit die Verantwortung für den Erhalt der Gemeinde-Infrastruktur von den Schultern Einzelner auf eine größere Zahl von Unterstützern übertragen werden konnten.

Dieser Weg gestaltete sich jedoch als nicht so einfach, wie es aus heutiger Sicht erscheinen mag. Kaum einer der damaligen Akteure kannte einen solchen organisierten zivilgesellschaftlichen Einsatz aus der eigenen Heimat. Auch fehlte es am notwendigen juristischen Sachverstand für die Gründung einer Moscheegemeinde. Zudem waren der damaligen staatskirchenrechtlichen Praxis die Gründung und der Betrieb von Moscheegemeinden unbekannt.

Die frühesten Satzungen sind ein Spiegelbild dieser zaghaften Institutionalisierungsversuche. So reicht der Umfang von halbherzig umformulierten Satzungen von freien Kirchengemeinden bis hin zu umfangreichen Regelwerken, die beanspruchen, fast alle Lebensbereiche der Muslime abzudecken.

Die Gründung von Trägervereinen ermöglichte jedoch nicht nur die Verteilung der finanziellen Belastungen auf eine breitere Mitgliederbasis, mit ihr etablierten sich in den Gemeinden in Form von Vorständen erstmals auch Funktionsträger über den Imam hinaus.

Mit dem Beginn der Familienzusammenführung und dem Nachzug der Arbeiterfamilien wurden die bis dahin weitgehend noch männlich-orientierten Aufenthaltsräume inhaltlich immer mehr zu einem sozial-religiösen Raum, einer Moscheegemeinde für die gesamte Familie.

Etablierung einer dauerhaften Struktur (80er und 90er Jahre)

Bereits in den 80er Jahren setzte bei vielen Gemeinden eine interne funktionale Ausdifferenzierung ein. Neben dem eigentlichen Moscheevorstand bildeten sich eigene Vorstände in der Frauen-, Jugend- und Bildungsarbeit aus.

Weiterhin entstand immer mehr eine Hierarchie über die Moscheegemeinde hinaus. Es etablierten sich Verwaltungs- und Koordinierungsebenen auf der regionalen Ebene und Zentralstrukturen auf der Bundesebene. Die Moscheegemeinden waren zwar weiterhin zentral für das religiöse Leben der Muslime. Bestimmte Aufgaben und Funktionen wurden jedoch auf die Regional- und Zentral-Ebene übertragen. Der theologische und pädagogische Sachverstand wurde immer mehr weg von der einzelnen Gemeinde auf Ebenen verlagert, auf denen die Professionalisierung und Koordinierung viel eher möglich erschien.

Einzelne Moscheegemeinden erwarben bereits in den 80er Jahren und viel häufiger in den 90er Jahren erste Immobilien zur größeren Entfaltung ihrer Moscheegemeinden. Sie schlugen damit bewusst oder unbewusst einen programmatischen Weg der Sesshaftwerdung und Hinwendung nach Deutschland ein, der sicherlich einen großen Anteil an der Beheimatung von Muslimen in der “neuen Heimat” hatte.

In diese frühe Zeit fallen auch die ersten Einheitsbemühungen zwischen den einzelnen muslimischen Verbänden. Unter anderem wurden der Islamrat, der Islamische Arbeitskreis Deutschland und der Zentralrat in dieser Zeit gegründet. Geglückt ist die Bildung einer alle größeren Gemeinschaften umfassenden einheitlichen und belastbaren Struktur jedoch bis heute noch nicht.


Bisher veröffentlicht:

Teil I: Moscheegemeinden in Deutschland und ihre historische Entwicklung
Teil II: Der Status Quo der muslimischen Gemeinschaften
Teil III: Möglichkeit und Notwendigkeit der Zusammenarbeit von muslimischen Gemeinschaften
Teil IV: Zukunftsperspektiven für die muslimische Verbandslandschaft in Deutschland


Bildmaterial: Gebetsraum © gynti_46 @ flickr.com, bearb. R&R